Dr. med. Roman Trepp: «Das Endokrine Tumorboard gibt es seit 2012. Die Abläufe sind eingespielt. Daher nutzen wir die Vorteile von Online-Konferenzen: kurze, effiziente, klar gegliederte Meetings.». – Foto: Inselspital

15.9.2021

Gemeinsam entscheiden

Am Tumorzentrum wird jeder Krebsfall einzeln in Expertenrunden besprochen, sogenannten Tumorboards. Der Endokrinologe Roman Trepp moderiert das Endokrine Tumorboard. Er gibt einen Einblick, wie die Experten zu ihren Entscheiden kommen.

Halb fünf Uhr. Von einer der Stadtkirchen klingen die Glocken, hinauf zum kleinen Büro des Endokrinologen Roman Trepp. Von hier moderiert er jeden Mittwochabend das Endokrine Tumorboard. Seit Corona nur noch online.

Eine Stunde steht zur Verfügung. Neun Patientinnen und Patienten werden heute besprochen. Es sind Fälle von Schilddrüsen- und Nebennieren-Karzinomen und fünf neuroendokrine Tumoren. Die Hälfte ist neu, die anderen wurden schon einmal besprochen; sie befinden sich in der Nachkontrolle.

Tumorboards sind Expertenrunden

Die Behandlungen von Tumoren sind sehr komplex. Diese unterscheiden sich stark von Tumortyp zu Tumortyp, abhängig auch vom Stadium eines Tumors. Am Tumorzentrum wird jeder Krebsfall einzeln in Tumorboards besprochen. Das sind regelmässige Konferenzen, an denen die an einem Krebsfall beteiligten Spezialistinnen und Spezialisten teilnehmen. Sie entscheiden gemeinsam, wie eine Patientin oder ein Patient weiter behandelt wird. Dies verbessert die Qualität.

Verschiedene Disziplinen

UCI – Das Tumorzentrum Bern führt pro Woche 16 solcher Tumorboards durch. Nebst den Fachärzten sind Onkologen, Radio-Onkologen, Chirurgen, Pathologen, Radiologen, Nuklearmediziner, die Pflege und je nach erkranktem Organ zusätzliche Expertinnen und Experten dabei. Manchmal auch die zuweisenden Hausärzte.

Sie schauen gemeinsam auf die vorliegenden Befunde. Danach diskutieren sie die Behandlungsmöglichkeiten und entscheiden nach neuestem wissenschaftlichen Wissen.

Sie treffen sich digital

Auf Roman Trepps Arbeitstisch stehen ein grosser und ein kleiner Monitor, eine Kamera, eine Tastatur, sonst nichts. Die Videochat-Software klingelt. Die Spezialistinnen und Spezialisten erscheinen auf dem Bildschirm. Sie haben die Patientendossiers vorgängig erhalten, die hier im virtuellen Raum ebenfalls bereitliegen.

Roman Trepp beginnt das Online-Treffen pünktlich, ein «Hallo zäme», danach folgen auf Hochdeutsch Vorname, Name, Jahrgang der ersten Patientin. Eine Frau mit Schilddrüsenkarzinom.

Roman Trepp moderiert jeweils mittwochabends das Endokrine Tumorboard – seit Corona findet es nur noch online statt. – Foto: UCI

Nur das Wesentliche

Der behandelnde Arzt stellt den Fall vor. In wenigen Sätzen nennt er die Diagnosen, den Gesundheitszustand der Frau und welche Fragestellung er gerne diskutiert hätte. Da alle Beteiligten die Dossiers vor dem Termin schon angeschaut haben, wissen alle, worum es geht. Nun kommt es auf die verschiedenen Expertenmeinungen an.

«Wollen wir die Bilder anschauen?» schlägt Roman Trepp vor. Der Radiologe zeigt Computertomografie-Bilder und erläutert die wichtigsten Punkte seiner Beurteilung. Der Moderator fragt nach weiteren Befunden. Nach kurzer Besprechung sagt einer der Spezialisten: «Ich würde zuwarten», danach begründet er dies. Der Moderator hakt nach: «Wäre es nicht besser, wenn …» oder «erwartest du denn…?» Schliesslich gibt er das Wort in die Runde: «Gibt es andere Voten? Hat jemand zusätzliche Ansichten?»

Medizinische Leitlinien

Eine einzig richtige Vorgehensweise gibt es in der Krebsbehandlung oft nicht. Jeder Fall muss einzeln betrachtet werden. 

«Meist gibt es mehrere Varianten, aus denen wir wählen müssen. Wenn möglich stützen wir uns auf internationale, medizinische Leitlinien. Diese geben das aktuell verfügbare Wissen wider und helfen, die besten Entscheidungen zu treffen.»

Roman Trepp fragt den behandelnden Arzt, welche nächsten Behandlungsschritte er empfehlen wird. Danach wiederholt er den Beschluss und weist den Fall wieder namentlich dem Arzt zu.
Nicht einmal sieben Minuten sind vorbei.

Zum nächsten Fall.

Sie kennen die Patienten persönlich

Wer einen Fall im Tumorboard vorstellt, kennt die Patientin oder den Patienten in der Regel. Das ist wichtig, zumal der Charakter, die Psyche oder die Lebensumstände mitentscheiden, welche Therapie gewählt wird. Wo die Patientin lebt, welche Angehörigen sie hat, welche Begleiterkrankungen zu beachten sind, welche Therapien sie wünscht oder nicht wünscht – solche Fragen berücksichtigt der behandelnde Arzt.

«Unser Ziel ist es, für die Patientin und den Patienten eine Lösung vorzuschlagen, zu der sie Ja sagen können.»

Roman Trepp: «Wir treffen beim Tumorboard Konsens-Entscheidungen, also Entscheidungen, die alle anwesenden Spezialisten mittragen können.» – Foto: UCI

Zur Person

Dr. med. Roman Trepp (44) ist seit 2017 Leiter Endokrinologie an der Universitätsklinik für Diabetologie, Endokrinologie, Ernährungsmedizin und Metabolismus. Dort führt er unter anderem die Sprechstunden für Endokrinologie, für Neuroendokrine Tumoren sowie die Interdisziplinäre Schilddrüsensprechstunde.

In den letzten 20 Jahren war er während insgesamt 11 Jahren am Inselspital tätig. Privat lebt er zusammen mit seiner Frau und seinem 6-jährigen Sohn in der Stadt Bern.

(Text: Peter Rüegg)

University Cancer Center Inselspital (UCI)

UCI – Das Tumorzentrum Bern ist ein führendes Schweizer Zentrum für die Diagnose und Behandlung von Krebs. Patientinnen und Patienten mit einer Krebserkrankung finden am Tumorzentrum Bern ein breites Angebot von individuell zugeschnittenen Therapieansätzen. In zwölf Organzentren werden sie von hochspezialisierten Teams betreut.

www.tumorzentrum.insel.ch